Philharmonischer Chor Kiel e.V.

Kieler Nachrichten, 13.01.2026

Mit Fortune in die Zukunft

Kiels Ex-GMD Georg Fritzsch leitete das Konzert zur Rückkehr der Philharmoniker ins sanierte Konzerthaus am Schloss

VON CHRISTIAN STREHK

KIEL. „O Fortuna ...“: Die Glücks- und Schicksalsgöttin der römischen Mythologie hat mit der Landeshauptstsdt Kiel und ihrem Theater in dieser Saison ein extremes Spiel gespielt. Im Sommer war das Entsetzen groß, als Generalmusikdirektor Gabriel Feltz aus dem Leben gerissen wurde. Jetzt herrschte Freudentaumel, weil es gerade sein Vorvorgänger Georg Fritzsch realisieren konnte, im geplanten Programm zur Wieder­eröffnung vom „Konzerthaus am Schloss“ als Dirigent für ihn einzu­springen.

Niemand hatte die glückliche und von ein paar technischen und organisatorischen Kinderkrankheiten abgesehen auch bereits gelungene Sanierung über Jahre derart vehement angemahnt und beflügelt wie der mitreißende Sachse, der inzwischen als GMD in Karlsruhe tätig ist.

Wenn nun gerade er die populären „profanen“ Gesänge der „Carmina Burana“ von Carl Orff dröhnen lässt, dass die frisch verschalten Wände wackeln, war das Fortunas Umkehrschluss. Kiel hat seinen hochwertigen Vintage-Konzertsaal wieder! „Vita detestabilis nunc obdurat et tunc curat ludo mentis aciem“: Schmähliches Leben, erst misshandelt, dann verwöhnt es spielerisch den wachen Sinn.

Fritzsch hat unter seinen bislang vielleicht schwierigsten, weil durch Baulärm und allgemeine finale Hektik flankierten Probenbedingungen eine wunderbar euphorische und immer wieder betörende Aufführung zustande gebracht.

Sehr geschickt war die nicht zu unterschätzende Aufgabe der großen Chorpartie (Einstudierung: Gerald Krammer) aufgeteilt. Die Profis vom Opernchor stemmten mit Brvour die heikelsten Passagen in Sachen Intonation, Höhenflug und Schnellsprechwettbewerb. Und der Philhar­monische Chor mischte sehr homogen überall mit, wo es galt, Volumen, Wärme und Phonstärke zu produzieren. Kaum ein chorsinfonisches Werk hat so eine Spannbreite zwischen Geraune und Gebrüll (ein Muss!) wie Orffs pseudomittelalterliches Meistermachwerk.

Am meiste Freude bewreiteten aber die jungen Stimmen vom Kinder- und Jugendchor, einstudiert von Nina Baudhuin und Moritz 'affier. Fast überall auswendig gesungen, hatten ihre „Coro piccolo“ und „Ragazzi“-Passagen maximalen Charme und eine berührend enthusiastische Präsenz.

Auch die Solisten waren glanzvoll besetzt. Die Isländerin Bryndis Gudjónsdóttir ließ ihren raumflutenden Sopran herrlich diamantge­schliffen funkeln. Der Tenor Cornel Frey kam als gebratener Schwan ganz ohne Karikaturverzerrung aus und meisterte die unerhörte Höhe bestens. Nicht zuletzt blies Thpomas Lehman seine Baritonpartie trefflich mit Egomanie und großem Ton auf.

Fritzsch badete immer wieder in satt und pointiert in den Raum gestellten Klängen. Er trieb an, wo es Spaß machte. Und er bewies mit den auch in vielen Soli sehr gut diponierten Kieler Philharmonikern, dass die Akustik auf keinen Fall verloren, wahrscheinlich durch etwas mehr Hall und interaktive Verdichtung auf der Bühne an Qualität noch gewon­nen hat. Das wurde besonders im flüsterleisen Reigen („Reie“) sehr schön warmgetönt deutlich.

Da werden die zwölf neu, je nach Besetzungsstärke beweglich an der Decke hängenden Akustik-Elemente Positives bewirkt haben. Wenn dann demnächst noch das Licht gedimmt und geschickt fokussiert werden kann, sollten Auge und Ohr noch besser zusammenwirken und Atmo­sphärisches intensiver empfunden werden.

Ganz zu Anfang geriet auch zweimal das 21. Jahrhundert in den Fokus, für das Intendant Daniel Karasek, Oberbürgermeister Ulf Kämpfer und Konzerthausdirektor Tobias Scharfenberger das Konzerthaus jetzt wieder frohgemut gerüstet sehen.

Ganz neuartig mit einem Beitrag zum von Feltz angeregten Komposi­tionswettbewerb um das beste Fünf-Minuten-Porträt zum Saisonthema „Hafenstädte“. Die in Hamburg lebende chinesische Komponistin Yixie Shen, Jahrgang 1993, hatte zu Konzerthaus-Eröffnung naheliegender­weise die Fördestadt Kiel zur Aufgabe. Sie zeichnet in reizvoll instrumen­tierten Klangschauern aggressiver und schmeichelnder Art ein zwei­schich­tiges Hörbild starker Gegensätze. Wie Kiel wohl tatsächlich empfunden werden kann.

Noch ein weiterer schaurig-schöner Zufall vom Schicksalskaliber Fortuna ist Feltz' Idee, ausgerechnet Bernd Frankes „Blue Green“ für das Festprogramm auszuwählen. Denn das Werk hatte Fritzsch für 2004 , sein zweites von 16 Kieler GMD-Jahren, in Auftrag gegenben, für CD aufgezeichnet und auch in Nürnberg dirigiert.

Das auch nach zwei Jahrzehnten beständig starke Stück mit seinem wilden Wechselbad zwischen Idyll für Cell- und Harfen-Solo (Frauke Rottler-Viain und Birgit Kaar) und Bläserattacken, Natur- und angejazz­tem Großstadtsound, passte als Raummusik gut zum Event.

Spannend war, nach den Rascher-Solisten von damals jetzt die sehr aufeinander eigeschworenen Jungs vom Signum Quartett zu hören. Was auf vier Saxophonen geht, zeigten die Virtuosen dann endgültig in ihrer wahnwitzigen Klezmer-Zugabe.

Völlig in seinem Element war Fritzsch, na klar, beim Thema Richard Wagner. Der hatte einst sein Seefahrt-Trauma im Wellengekappel zwischen Ost- und Nordsee in der stets gefühlt gut zu Kiel passenden Oper „Der Fliegende Holländer“ verarbeitet. Die Ouvertüre gelang hier dynamisch, dämonisch und damit denkwürdig mit „Fortune“.