Philharmonischer Chor Kiel e.V.

Kieler Nachrichten, 05.01.2026

Feuertrunkene Götterfunken

Im ausverkauften Opernhaus: Kiels Erster Kapellmeister Felix Pätzold dirigierte Beethovens Neunte Symphonie

VON CHRISTIAN STREHK

KIEL. Ursprünglich hatte Schiller recht Volkstüm­liches im Sinn, als er dichtete: „Brüder fliegt von euren Sitzen, wenn der volle Römer kraißt, laßt den Schaum zum Himmel sprützen: dieses Glas dem guten Geist!“ Das Trinklied hätte ebenfalls gut zu Silvester und den Neujahrstagen gepasst. Aber zum Glück besann er sich eines Besseren, an dem sich dann Beethovens Genie epochal entzünden konnte.

Man wird das Gefühl dieser Tage nicht los, da der Zusammenhalt in der Gesellschaft und Europa offenbar der Nachhilfe bedarf: Der Text von Schil­lers „Ode an die Freude“ und seine über­wältigende Vertonung dürfen zu Jahresbeginn nicht fehlen. Und Anfang kommenden Jahres eigentlich auch nicht, da dann das Beethoven-Gedenkjahr zum 200. Todestag beginnt. Um seine „Alle-Menschen-werden-Brüder“-Botschaft einzubläuen, darf er gerne so frisch, textverständlich und euphorisch gesungen werden, wie jetzt im Neujahrskonzert der Kieler Philharmo­niker im Opernhaus.

Gerald Krammer, seit dem Sommer nicht nur Chordirektor in Kiel, sondern auch Assisteent beim Chor der Bayreuther Festspiele, hat die vereinigten Stimmen von Opern- und Philharmonischem Chor bestens vorbereitet. Selbst wenn es nie überall gelingt, Profi- und Hobbysänger homogen in Ein­klang zu bringen, waren die Intonation, die Sprach­gewalt und die Beethovenschen Zumutungen in Sachen Höhenflug „überm Sternenzelt“ gut ein­studiert. Der neue Stellvertretende Generalmusik­direktor Felix Pätzold konnte also im vokalen Finale der deshalb so berühmten Neunten Symphonie wagen, was ihm wichtig war: pure Emotionsentla­dungen. Das Publikum im restlos ausverkauften Haus zeigte sich sehr begeistert und geizte nicht mit Ovationen und Bravo-Rufen.

Den Weckruf an die Menschheit, allem Chaos freude- und hoffnungs­voll das Schöne, Wahre und Gute entgegenzusetzen („O Freunde, nicht diese Töne ...“) hatte der Bassbariton Matteo Maria Ferretti sehr aus­drucksstark angestimmt. Er brachte damit ein Solistenquartett ins Spiel, das sich sehr gewandt vom klein besetzten Orchester anspornen ließ.

Xenia Cumento hatte mit dem gefürchtet jubilie­renden Sopranpart keine Probleme, brachte aber dafür auch nicht so viel Wärme und Farbe mit wie die nobel singende Altistin Clara Fréjacques. Auch eher lyrisch, aber sehr souverän ließ der Tenor Dovlet Nurgeldiyev spürbar froh „die Sonnen flie­gen, durch des Himmeld prächt'gen Plan“. Er war als Ensemblemitglied (und Tamino) der Hamburgi­schen Staatsoper der einzige Gast.

Der mutige Erste Kapellmeister Felix Pätzold forderte allen Beteiligten sehr stringent nahezu die herausfordernd raschen Tempi ab, die sich Beet­hoven in seinem gehörlosen Kopfkino vorgestellt hatte.

Mit Stich-Impulsen und gestischen Peitschen­hieben hatte er schon die beiden ersten Sätze unbeirrt pulsieren und rumoren lassen. Das funktionierte als eher grimmig kantige Klangrede in der eher trockenen Akustik des Opernhauses gut. Es gab nirgends Gleichlaufschwankungen. Den langsamen Satz kann man oft auch halb so schnell hören, wenn Dirigenten in den innigen Schönheiten baden und eher der Satzbezeich­nung „Adagio molto“ als den Metronomangaben folgen. Aber auch hier passte Pätzolds antiromantisches Konzept überzeugend, das unaufhalt­sam auf die feuertrunkenen Göterefunken zuströmte.