Philharmonischer Chor Kiel e.V.

Kieler Nachrichten, 16.06.2026

Emotionen in Grün, Weiß und Rot

„Hafenstadt Palermo“: Der italienische Gastdirigent Vito Cristofaro dirigierte in Kiel das 8. Philharmonische Konzert

VON CHRISTIAN STREHK

KIEL. Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann: Im allerletzten, noch vom verstorbenen Generalmusikdirektor Gabriel Feltz programmierten Philharmonischen Konzertdoppel ist nichts nullachtfünfzehn. Da wurden am Sonntag alle Repertoiregrenzen eines biederen Konzertlebens gesprengt. Und Emotionsentladungen sind garantiert.

Die Uraufführung zum Motto „Hafenstadt Palermo“ fächert die Frequenzspektren ihrer Kirchenglocken wie in Zeitlupe auf. Das Orchester taucht danach sehr atmosphärisch in Nino Rotas zu Recht Oscar-prämierter „Der Pate“-Filmmusik ein. Verdis brillante Ouvertüre zur „Sizilianischen Vesper“ schwelgt und kracht. Und nach der Pause geht das wohl packendste Eifersuchtsdrama der Operngeschichte, Mascagnis Verismo-Einakter „Cavalleria Rusticana“, konzertant unter die Haut. Wenn das Bühnenlicht nicht nach wie vor so kalt strahlen würde, wären wohl die mediterrane Sonne, die Arancini, der Nero d‘avola und das heiße Blut Siziliens noch unmittelbarer zu spüren.

Der italienische Einspringer am Pult, der junge Maestro Vito Cristo­faro, in Oldenburg gerade zum kommissarischen Generalmusikdirektor aufgewertet, hat dafür ein Händchen. Und er hat alle auf seiner Seite, um die Emotionen kochen zu lassen.

Der Kreter Orestis Papaioannou ist mit „Quattro Canti“ last not least in der Reihe der von Feltz beauftragten Kompositionstalente. Den Haupt­preis von 1000 Euro erkennt die hochkarätig besetzte Jury, vertreten durch Kiels Kulturdezernentin Christina Schubert und Generalintendant Daniel Karasek, allerdings dem abwesenden Kollegen Christoph Baumgarten zu.

Der hatte sich im Zeichen von St. Petersburg mit „Blagovest“ gleich zu Saisonbeginn eindrucksvoll düster ebenfalls mit Kirchengeläut beschäf­tigt, mit russisch-orthodoxem. Wer den Publikumspreis mit einem weiteren, mit 2000 Euro dotierten Kompositionsauftrag gewinnt, wollten die Musikfreunde Kiel nach dem zweiten Konzert am Montagabend verkünden.

Obwohl die Mandoline noch eine Ladehemmung zu überwinden hat, ist alles, was folgt, ein Rausch in Grün, Weiß und Rot. Verdi und Rota stehen sich ähnlich nahe wie Verdi und Mascagni. Cristofaro hat alles mit Bedacht unter Kontrolle, lässt aber an entscheidenden Punkten ein leichtes Atemholen zu oder treibt das Geschehen drängend auf die Spitze.

Der Dirigent hat aber auch bestens aufgelegte und besetzte Kräfte an der Hand. Das gilt nicht nur für die Philharmoniker und ihre Soli, sondern auch für die exzellent von Gerald Krammer abgemischten Stimmen von Opernchor und Philharmonischem Chor. Ob Vokalise bei Rota oder Volksgebraus bei Mascagni – das fasziniert. Auch was die Chorpräsenz angeht, scheint die Akustik durch die zwölf Klangsegel-Elemente besser ans Orchester angebunden.

Deshalb ist es auch richtig, die wunderbar besetzten Opernpartien von der Chorempore singen zu lassen. Die Berlinerin Bettina Ranch ist eine tolle Santuzza, packend dramatisch mit beachtlicher Mezzotiefe und flammender Höhe, seelisch spürbar zerfressen durch die Untreue Turiddus. Der Tunichtgut ist mit dem spanischen Tenor Eduardo Aladrén exemplarisch gut besetzt, hat den Schmelz und zugleich die Schlagkraft, die Verismo benötigt.

In den kleineren Partien singt sich der imposante kroatische Bariton Matija Meic als Nebenbuhler Alfio nach verstolpertem Trinkliedstart am Sonntagmittag zunehmend frei. Außerdem begeistern zwei Kieler Ensemblemitglieder: Tatia Jibladze findet genau den richtigen Sound für die verhärmte Mamma Lucia, Clara Fréjacques den vokalen Lockstoff der gefährlich unbekümmerten Lola.

Wie sich das alles bis zum tödlichen Duell irgendwo im Hinterland von Palermo musikdramatisch steigert, elektrisiert und begeistert das Publikum im sehr gut besuchten Konzerthaus enorm.